Studieren, plagieren und kopieren 1988

Die sich in unserem Umfeld an diversen Unis aufhaltenden, in einem anderen Land geborenen Studenten , die aber jetzt Studierende genannt werden, tun das, was wir schon hinter uns haben, in einem Land vor unserer Zeit, studieren. Zu verzwickt, der Satz. Nochmal von vorn:

Liebe Kinder! Auch wir studierten, aber weder mit Mobiltelefon noch einem normalen, ohne Computer und Internet, ohne Kopierer, ohne Wohnung und ohne Fernseher. Wie? Na, so:

Abschreiben aus Büchern: Dazu ging man in den Lesesaal seiner Wahl. Im 26. OG , 4. OG oder im 1. OG. Im „M/L“ Lesesaal, in der „Literatur“, in der „Geschichte“ oder im „Allgemeinen“, je nachdem, ob man seine Ruhe wollte oder die anderen treffen. Man ließ sich die Bücher geben, stapelte sie auf seinem Tisch und schrieb sich das Wichtigste ab. Die beliebtesten Bücher waren immer schon ausgeliehen, dann musste man warten. In manchen Lesesälen konnte man selbst durch die Regale gehen und die eine oder andere Entdeckung machen. Es gab auch eine „Universitätsausleihe“, da suchte man im „Katalog“ auf Karteikarten heraus, was man wollte, ging dann zur „Ausleihe“ und bekam dann die Bücher für vier Wochen mit. Dazu brauchte man den Leserausweis und wiederum auf Karteikarten wurde vermerkt, was man geliehen hatte.

Hefterkoffer

Hefterkoffer

Mitschreiben der Vorlesungen: Die einzige Möglichkeit, den Vorlesungsinhalt dauerhaft zu „bekommen“, war, einen Block und einen gut schreibenden Stift zu benutzen und so viel wie möglich mitzuschreiben. Gute Schrift erleichterte das spätere Lesen und Lernen. Konnte oder wollte man nicht zur Vorlesung, bat man einen Kommilitonen, Blaupapier unterzulegen: Schreibpapier, Blaupapier, Schreibpapier. Wenn man ordentlich aufdrücken konnte, konnte man seine Mitschrift sogar zweimal durchdrücken. Prinzip auf Gegenseitigkeit. Das dünne Blaupapier wurde so lange benutzt, bis es zerfleddert war, dann nahm man ein neues. Die Vorlesungsmitschriften haben wir fein säuberlich in beschrifteten Pappheftern gesammelt. Darin stand meistens wortwörtlich, was die Professoren vorgelesen haben.

Urliste

Urliste

Tabellen und Grafiken mit der Hand zeichen: Natürlich mit Lineal und Bleistift.Links auf dem Bild seht ihr meine Auswertung der Fragebögen für meine Diplomarbeit, die „Urliste“. Feinsäuberlich, soweit es mir möglich war, habe ich alle Daten in einer Tabelle zusammengefasst und die Werte ausgerechnet. Ich hatte bestimmt einen Taschenrechner. Denn mit dem Rechenschieber bin ich schon in der Schule nicht wirklich zurechtgekommen. Oder habe ich etwa schriftlich gerechnet? Aus diesen Daten entwarf ich dann Grafiken, die in meine Diplomarbeit kamen. Die musste jemand mit Maschine schreiben. Mit Schreibmaschine. Glücklicherweise war T.s Mutter Sekretärin und tippte seine und dann auch meine Arbeit. Mit Blaupapier, denn es mussten 3 (oder 4?) Exemplare sein. Eine für den Professor, eine für die Bibliothek und eine für den Studenten. Die Grafiken wurden dann jedesmal neu eingezeichnet. Oder, welch Errungenschaft: vervielfältigt!

Ormic

Ormic

Mit Ormic vervielfältigen: Das war ein tolles Gerät! Man schrieb etwas (am besten mit Schreibmaschine), dann leierte man es durch eine Maschine, und nochmal, und nochmal, und nun hatte man mehrer Exemplare! Aufpassen musste man, dass es vorher spiegelverkehrt durchgepaust wurde (oder die Rückseite?). Und wie herrlich es stank! Erstaunlicherweise sind diese Ormic- Abzüge , die in meinem alten Koffer lagern, immer noch lesbar. Und sie riechen auch noch so, nur nicht mehr so intensiv, ein bisschen Moder kommt dazu. Auch in der Schule durfte ich im Praktikum mal das eine oder andere Arbeitsblatt für die Schüler durchleiern. Nie wäre mir eingefallen, dieses Gerät zu fotografieren, das bedauere ich jetzt.

Das Fotografieren war auch eine aufregende Angelegenheit. Ich hatte eine schmale „Pocket -Kamera“. Da mussten ganz spezielle Filme rein, so eine Art Kassetten. War der Film voll (20 Aufnahmen?) brachte man ihn zum Fotografen, und schon zwei Wochen später konnte man sich die Bilder abholen. Das war schnell, denn „früher“ mussten Farbfilme zum Entwickeln eingeschickt werden, das dauerte 4 -6 Wochen. Jedes Foto war eine Überraschung! Leider fiel mein Fotoapparat runter und war hin. Überhaupt gibt es nur ganz wenige Fotos aus der Studienzeit. Und vom „normalen“ Leben, vom Alltag schon gar keine. Schade.

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