Den Marsch geblasen

Die Postkapelle aus Slowenien marschiert in roten Jacken und weißen Hosen mit rotem Seitenstreifen auf, es gibt kein Halten mehr. So fesche Jungs! Das Publikum tobt! Auf den vollbesetzten Rängen klatschen und singen die militärbegeisterten Mittsiebziger seit den ersten Takten mit. Als das Licht ausging, wurde schon frenetisch geklatscht. Nur keine Zeit verlieren. Als erstes wurden das ukrainische und das russische Militärorchester enthusiastisch gefeiert, der Herr hinter mir sang hingebungsvoll falsch mit, als der Steiger kam, Glück auf! Die Sanitäter sind gut vorbereitet mit Sauerstoffgeräten und Reanimationsgerätschaften, falls es zu Hyperventilationsanfällen kommen wird. Doch die Musikparade scheint ein wahrer Jungbrunnen zu sein, die Gehstöcke und Rollihandtaschen fliegen nur so zur Seite, damit die Hände frei sind. Ob sie alle vorher Brandsalbe aufgetragen haben? Gejohle, Gelächter und Beifall bei allen Figuggchen der Kapellen! Dann kommt irgendein Kontigent aus Oberlichtenau oder so, blaue Jacken, schwarze Hosen mit weißen Doppelseitenstreifen. Alle so schön in Reih und Glied, dann in anderer Reihenfolge, hin und her und durcheinander, die Tubas auf der einen, die Trommler auf der anderen Seite, die Querflöten quer durch und die Trompeten mal hier und mal dort, einfädeln, ohne sich zu verheddern oder gar aus dem Gleichschritt zu kommen.  „Das ist der Wahnsinn!“ , „Unglaublich!“ und „Das ich das erleben darf“ ist von den Sitzplätzen zu hören. Sämtliche JamesBondTitelmelodien werden geblasen und die Skalps an den Hüten wippen immer fröhlich im Takt. Bei Skyfall marschieren sie gemessenen Schrittes, ich bekomme doch wirklich eine Gänsehaut! Und überhaupt muss ich erst mal mein Schwarzbuch mit Stift aus der Hand legen, weil ich nicht mehr weiß, wohin ich zuerst schauen soll. Flammenwerfer vor dem Bundestagsvorhang! Silberstreifengeschosse  über der Paradefläche! Und das Moskauer Ministerium des Inneren marschiert blasend auf, dazu hüpfen Folkloremädels fröhlich winkend umher und lassen sich von Jungs in roten Pluderhosen durch die Luft wirbeln. Die russischen Lieder, die gespielt werden, erreichen die Seelen der Zuschauer, sie sind sichtlich gerührt und singen traurig zu den Akkordeonklängen mit, erst bei Kalinka kommt der nächste Adrenalinschub. So hören wir hunderte- quatsch, tausende Zuschauer textsicher AnderNordseeküste schunkeln, und DiekleineKneipe in unserer Straße singen und die Reeperbahn und weitere Gassenhauer. Ich weiß nicht wohin mit meinem Entsetzen, mein Weinglas ist schon wieder leer. Gejohle! Geklatsche! Und dann kommt die Ehrenbrigade der bulgarischen Streitkräfte. Ohne Instrumente, dafür mit Karabinern, ein Fähnlein in den Nationalfarben aufgesteckt. Sie marschieren und präsentieren ihre Gewehre in allen möglichen Aufstellungen und roten Jacken mit Goldlitzen, dunkelgrauen Hosen und schwarzen Stiefeln mit weißem Streifen. Auf ihre Mützen tragen sie stolz emporstehende Federn. Was haben sie gejagt, Adler?   Getrommle spornt sie an, ihre Waffen noch schneller herumzuwirbeln, sie werfen sie sich ohne eine Miene zu verziehen über Kreuz zu. Das Publikum hört gar nicht wieder auf zu klatschen und ruft dazwischen: „Donnerwetter!“, „Oi, oi, oi!“oder auch  „Alle Wetter“ .  Sie legen die Waffen an, zum Glück nicht in Richtung Publikum, es ist auf einmal stockdunkel  und ein ohrenbetäubender Knall hallt durch die Halle , die Begeisterung ist grenzenlos. Ich bin kurz vor dem Herinfarkt und mir ist schlecht. Nun die amtierenden Weltmeister in irgendwas mit Choreografie. Sie haben lustige Fönhauben auf, ein bisschen wie Roché oder Angoraeisbären. Es sind Niederländer und sie sind scharz-weiß gekleidet mit weißen Gamaschen auf ihren schwarzen Schuhen und weißen Streifen an ihren schwarzen Hosen und sie trommeln ganz fabelhaft. Ich bin immer noch bulgarisch geschockt, doch sie spielen wirklich gut, etliche Stücke von den die Beatles, HeyJude! Zwischendurch klemmen sie mal – reihenweise – ihre Mützen unter die Arme – da sind ja Mädels!  Und jetzt endlich, nach drei Stunden, das Finale. Gespannte Erwartung, hochgereckte Hälse und vorfreudiges Gemurmel auf den Rängen. Alle Uniformierten marschieren musizierend ein und stellen sich in der Halle auf, frenetisch beklatscht. Eine Art Opernsängerin und drei Tenöre mit achtziger Jahre Frisuren trällern TimeToSayGoodbye mit großen Gesten. Dann Feuerwerk und musikalischer Ausmarsch, bleiben die Ukrainer und Russen. Die spielen nochmal auf, die Folkloremädels und -jungs heben und senken dazu die riesige Europaflagge. Wir scheinen die einzigen zu sein, die sich darüber wundern. Alle anderen sind mit StandigOvations beschäftigt. Das Klatschen nimmt kein Ende.

Jetzt schaut euch noch ein paar meiner Fotos an, dann müssen wir nie wieder darüber reden.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter aktuelles, Ausflüge, Familie, Musik abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s