Warum ich Ferien brauche

Erst ratlose, dann gelangweilte Gesichter, Nomen und deren Kasus trifft erwarteterweise nicht den Geschmack der Ex-Hottentottenklasse. Wie freue ich mich über eine Wortmeldung zum Tafelbild: „Wessen Hosenstall ist auf?“ Ich lobe das Fragekind und doziere minutenlang über den Genitiv in Verbindung mit Namen, nenne allerhand Beispiele aus der Klasse. Alle sind jetzt aufmerksam und kichern was das Zeug hält. Jetzt wird gar die Frage mehrmals laut gestellt und endlich, endlich begreife ich. Drehe mich um und mache meinen Reißverschluss zu. Was für ein Spaß! Da bleibt mir nur, mitzulachen und als wir uns alle wieder beruhigt haben, verrate ich den Kids die ultimative Antwort: „Wer nachts arbeitet, soll tagsüber am Fenster gucken können!“ Großes Achselzucken, bei zwei oder dreien ein verstohlenes Schmunzeln. Sie sind noch nicht so weit. Wie schön.

Etagenwechsel, die Fünfer wuseln noch umher, rennen auf Toilette, durch die Klasse und sogar im Stehen. Ein paar bestürmen mich gleichzeitig mit wichtigen Nachrichten aus dem HausaufgabenundArbeitsmittelvergessensbereich und den zugehörigen Ausreden. Plötzlich werde ich von hinten umarmt, Timmi hängt wie eine Klette an mir und versichert, dass er sich sehr freut, heute weiter vorgelesen zu bekommen. Neulich kam er nach der Stunde und streichelte liebevoll meinen Arm: „Das war schön heute!“. Doch jetzt muss ich erst mal Ordnung schaffen, damit wir mit dem Unterricht anfangen können. Die Hälfte hat keine Hausaufgaben, klar, fällt mir siedenheiß ein, sie waren bis gestern auf Klassenfahrt, da hat man anderes im Kopf. Also machen jetzt alle Kinder Hausaufgaben, diejenigen, die fertig sind, bieten anderen Kindern ihre Hilfe an und arbeiten mit ihnen zusammen, das klappt sehr gut. Ein Mädchen kommt zu mir an den Lehrertisch, gibt mir eine Schere, Timmi hätte gesagt, er steche sie ab, die fette Sau. WAS? Ich frage nach, höre schreckliche Schimpfworte und es geht hin und her, einige Schüler sind sehr aufgebracht. Ich bitte Klein-Timmi zu mir nach vorn, ich sehe schon, da geht nichts mehr. Nach vielen Bitten kommt er doch und ich frage ihn, ob es ihm nicht gut gehe. Gleich kommen die Tränen. „Möchtest du mit Herrn Sozialpädagoge sprechen?“ Zustimmendes Nicken, ich nehme ihn an der Hand und wir gehen ein paar Zimmer weiter. Hier ist er wohlbekannt, die kleine Seele bekommt Hilfe. An Grammatik ist jetzt nicht mehr zu denken, ich lese der Klasse vor, sie sind ganz begeistert von den „Hexen hexen“. Weitere vier Schüler werden gebeten, in den „Raum der Stille“ zu kommen. Ich beschreibe auch noch schnell die Situation, muss aber dann schon weiter.

Jetzt noch Geschichte, wie immer müssen mindestens zwei Schüler zur mündlichen Leistungskontrolle nach vorn. „Keine Freiwilligen?“ Niemand meldet sich, außer um zu sagen, dass der Vortrag zu Hause liege oder das Buch oder der Hefter. Alle bekommen drei Minuten Zeit, sich noch einmal im Hefter zu informieren, womit wir uns letzte Stunde beschäftigt haben.Ich wähle irgendeinen Namen aus dem Klassenbuch, ich kenne die Klasse noch nicht so gut. Treffer! Absolutismus ist ein unbekanntes Wort, im Hefter habe er jetzt nicht nachgeschaut, er wusste nicht, dass er es brauche. Ich helfe, frage spezieller: „Von welchem Land haben wir denn gesprochen?“ –  „Berlin? Brandenburg? Deutschland? Frankreich?“  – „Ja, richtig, über Frankreich. Erzähle uns dochetwas über den Sonnenkönig. Wie hieß er denn?“ –  „Friedrich? Wilhelm? Wilhelm der Erste? ???“ – „Was ist denn ein König überhaupt?“ – „?????“  „Gibt es denn heute noch Könige?“ – „Nein!“ – „Setzt dich wieder hin,das ist eine 6!“- Die nächste bitte! Jetzt kommt eine freiwillige Schülerin nach vorne, sie hat in den letzten 5 Minuten das Tafelbild von der letzten Stunde auswendig gelernt und spult es jetzt ab. Und sie kann noch eine Frage beantworten. Von fünf. Eine 3. Große Freude. Eine halbe Stunde später hält diesselbe Schülerin ihren Kurzvortrag und sie sagt hier alles, was sie in der Leistungskontrolle hätte sagen sollen. Ich äußere mein Unverständnis. „Ach so? das habe ich nicht gewusst!“

Das schönste am letzten Schultag vor den Herbstferien war meine Aufsicht, am hinteren Tor, wo kein Schüler sich aufhalten darf und herrlich die Sonne schien.

Ferien!

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2 Antworten zu Warum ich Ferien brauche

  1. Kathi schreibt:

    Mein Fazit aus diesem Blogeintrag: „Gut, dass ich nicht Lehramt studiere!!“

    Gefällt mir

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